Christoph Schlingensief (United Trash, 1995)


Aus Anlass des Todes von Christoph am 21.8. zeige ich hier einige, zum Teil unveröffentlichte, Bilder von den Dreharbeiten zu “United Trash” in Zimbabwe im Dezember 1994.
Es sind Momentaufnahmen von den Dreharbeiten und Fotos vom Einbruch in das Kopierwerk in Harare, da das fertig entwickelte Material von der Geheimpolizei Mugabes beschlagnahmt, aber noch nicht gesichert wurde. Ich habe die Arbeiten als Gast verfolgen dürfen, war aber als Journalist in Zimbabwe eingereist und gehörte offiziell nicht zum Team. So hatte ich keine Probleme mit den Behörden. Der Besuch bei den Dreharbeiten war sehr spannend, das Ende der Dreharbeiten habe ich nicht mehr miterlebt, da ich weiter in den Süden Zimbabwes reiste. Nach dem ich bei “Mutters Maske”, 1986 die Standfotos gemacht habe, Mariele und ich uns 1993 bei der Premiere von “Terror 2000″ kennengelernt haben, habe ich im Jahr 1994 Christophs Stück “Kühnen 94″ an der Volksbühne in Berlin fotografiert. Nach Zimbabwe haben wir uns nur noch unregelmäßig gesehen, zuletzt 2008 bei einer Probe seines Fluxus-Oratoriums “Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir”. Die wenigen Male, die ich Christoph bei der Arbeit beobachtete, haben mich sehr beeindruckt, vielleicht auch in meinem Denken beeinflusst, seine gewaltigen Bilder haben es bestimmt. Ich bin sehr traurig über seinen Tod, der obwohl nicht unerwartet, doch sehr plötzlich kam. Im Laufe der nächsten Zeit werde ich noch weitere Fotos zeigen. Es ist traurig im Archiv zu wühlen, aber oft muss ich auch lachen, wenn ich die Bilder sehe. Das hilft.

unitedtrash_1995_00
unitedtrash_1995_01
Voxi und Christoph
Kitten und Udo Kier

Abfahrt (in progress), 2009/2010


Abfahrt befasst sich mit der Zerstörung des Landschaftsbildes in den Tourismusgebieten der Alpen und der Dolomiten. Die Arbeit wurde im September 2009 begonnen und wird im Sommer und Herbst 2010 weitergeführt. Die Spuren des alpinen Massentourismus sind in den Sommer- und Herbstmonaten besonders gravierend im Landschaftsbild zu erkennen.

Ahrtal/Speikboden (Südtirol), 10/2009
Zugspitzplatt/SonnAlpin (Deutschland), 8/2010
Lermoos/Biberwier (Österreich), 8/2010

M.K.

002_Speikboden_Ahrntal
001_Speikboden_Ahrntal
003_Speikboden_Ahrntal
004_Speikboden_Ahrntal

allAmerican, 2009


allAmerican beschäftigt sich mit der Vision des heutigen Amerika von einer besseren Zukunft. Die Wahl des 44.Präsidenten Barack Obama, weltweit als historisch betrachtet, ist auch als Rückbesinnung auf den „American Dream“ interpretiert worden. Trotz seiner anscheinend aussichtslosen Biografie ist der Afroamerikaner Obama, Kind einer weißen Mutter und eines afrikanischen Vaters, ins höchste Staatsamt der USA gewählt worden. Damit personalisiert er wie niemand vor ihm den „American Dream“, den der Historiker James Truslow Adams in seinem 1931 veröffentlichten Buch „Epic of America“ geprägt hat. In keinem anderen Land ist die visionäre Aussicht auf ein gutes, erfolgreiches Leben der unbegrenzten Möglichkeiten so in den Glauben der Gesellschaft eingebrannt wie in den USA.
Wie wenig dies oft der gesellschaftlichen Realität entspricht, hat nicht nur das so genannte „Schwarze Amerika“, sondern auch das für seine soziale Kompetenz bekannte bürgerlich-liberale Amerika in den Jahren der Bush-Ära zu spüren bekommen. In dieser Schnittstelle zwischen Realität und Vision bewegt sich das Projekt „allAmerican“: Die Tage vor der Amtseinführung, der „Inauguration“, haben die Menschen in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft nach Washington kommen lassen – eine Hoffnung, die an jedem Einzelnen und an den Reaktionen der Masse greifbar wird.

… (Auszug – Pressetext)

1
2
3
4

New York City, 2006


5 Jahre nach 9/11

Nach den ersten Reisen nach New York in den achtziger und neunziger Jahren, kam mir die Stadt 2006 zwar vertraut vor, aber dies war nur vordergründig. Das war nicht anders zu erwarten. 9/11 hat die Menschen und die Seele der Stadt verändert. Die Menschen sind kritischer gegenüber Fremden und in den Straßen habe ich eine Distanz gespürt, die ich von früheren Reisen nicht kannte.

Um zur Freiheitsstatue zu gelangen, muss man sich strengeren Sicherheitskontrollen unterziehen. Die New Yorker versuchen die Dinge mit typischer Gelassenheit zu ertragen, und doch merkt man ihnen an, welchen Preis Sie für die Bedrohung zu zahlen haben.

New York City 2006_7
New York City 2006_2
New York City 2006_3
New York City 2006_4

Ostfriesland, 2001 – 2005


Eine Landschaft zu entdecken bedeutet immer auch, etwas Eigenes in sie hineinzubringen und etwas Eigenes in ihr zu suchen. Was Michael Kerstgens mit nach Ostfriesland brachte ist sein individueller Blick, was er hier suchte sind Bilder, die fern aller vorgeprägten Erwartungen ein Stück Land im äußersten Nordwesten Deutschlands porträtieren. ….. Kerstgens Bilder entstehen in einer Kulturlandschaft, die vom rauen Klima der Nordsee geprägt ist und ohne ihre komplexen Systeme von Gräben, Kanälen, Deichen, Buhnen und Reisigverhauen nicht existieren würde. Über viele Jahrhunderte hinweg rang der Mensch dem Meer hier Meter für Meter fruchtbaren Boden ab. Immer wieder zieht es Kerstgens an die Grenze zwischen dem offenen Raum des Wattenmeeres und der unmittelbar an sie grenzenden Infrastruktur von Küstenschutz und Tourismus. Er hat ein feines Gespür für Spannungen, die dort entstehen, wo natürliche und künstliche Strukturen, Raum und Stofflichkeit, Tradition und Gegenwart aufeinander treffen. Ohne atmosphärisches Beiwerk erzählen seine Bilder, wie sich dieses Stück Land anfühlt, wie sich seine Räume entfalten und seine Menschen mit ihm leben. Sie lassen das Klima spüren, Strukturen ertasten, Gemeinschaft erleben, und im scheinbar Banalen Kurioses und Abgründiges entdecken. Kerstgens sucht ebenso das geradezu meditative Erlebnis des unendlichen Raums, in dessen überwältigender Eintönigkeit sich der einzelne Mensch zu verlieren scheint, wie das Erlebnis in der Gruppe. …. Aus dem Vorwort von Dr. Nils Ohlsen, Wissenschaftl. Leiter der Kunsthalle Emden, 2006 Edition Anhalt

Drachenflieger
Hafen Neßmersiel
Nessmersiel
Hilgenriedersiel

Henley Royal Regatta, 2001


Henley, England

Willkommen bei der “Henley Royal Regatta”, die das Städtchen an der Themse 40 Kilometer westlich von London jedes Jahr im Juli zum Mekka der Ruderer aus aller Welt macht – und zum Magneten für die britische High Society, die im streng abgegrenzten Bezirk der “Stewards Enclosure” fünf Tage lang eine Gartenparty mit viel Pimms No. 1, Champagner und strengen Regeln zelebriert.

Die Stewards sind die Veranstalter dieses neben Ascot und Wimbledon dritten königlichen Sport- und Gesellschafts-Event des Empire. Gut 6000 Häupter zählt der exklusive Club, erfolgreiche Ruderer, Trainer und Menschen, die sich um den Sport verdient gemacht haben. Die Olympiasieger James Cracknell und Matthew Pinsent sind dabei und natürlich Sir Steve Redgrave, die Ruder-Legende. Bei fünf olympischen Spielen hat er fünfmal Gold geholt und ist dafür von der Queen geadelt worden.

Auszug aus der Reportage von Michael Seufert

henley_00
henley_01
henley_02
henley_03

Nicaragua Vila la Paz, Brasilien, 2001


Nicaragua Vila la Paz heißt eine Favela in Interlagos bei Sao Paulo. Einmal im Jahr  kommt die Formel Eins nach Interlagos. Die Bewohner, die größtenteils aus dem Landesinneren und den Urwäldern Brasiliens stammen,  versuchen in der Rennwoche ein bescheidenes Zusatzeinkommen zu erlangen. Sie verkaufen unlizensierte Fanartikel, oder Sie arbeiten als Bierholer für wohlhabende Besucher. Für die Eintrittskarte haben sie das ganze Jahr gespart. Vor einigen Jahren wurden einige Hochhäuser für die Bewohner, der teilweise innerhalb der Rennstrecke liegenden Favelas gebaut. Jedes Jahr, vor den Rennen werden die Fassaden, die von den TV-Kameras eingesehen werden können, neu gestrichen.  Die Zufahrten zur Rennstrecke werden mit Sichtblenden versperrt, damit die Besucher des Rennens die Favelas nicht sehen können. Bewohner, deren Hütten schon auf dem Gelände der Rennstrecke sind, erhalten Ausweise, damit sie zu ihren Hütten gelangen können.  Vor einigen Jahren wurde der Asphalt der Rennstrecke für viele Millionen Dollar erneuert. Gerüchte sagen, dass das Geld aus einem Strukturfond der Weltbank für die Favelas von Interlagos kam.

Auszug aus einer freien Arbeit

001_Interlagos
002_Interlagos_Favela
004_Interlagos_Formula_One
005_Interlagos

Travelling Africa, 1996


Kenia, Burundi, Tansania

000_HotelAmbassador_Nairobi
001_Nairobi_Taxi
002_Pilgrims_MSMbaza
002b_waiting_for_costums_Kigoma

Matibi Mission Hospital, Zimbabwe, 1995


Matibi liegt im Süden von Zimbabwe, einem der wasserärmsten und heißesten Regionen des südlichen Afrikas. Dort befindet sich das Matibi Mission Hospital, das die medizinische Versorgung von ungefähr 100 000 Menschen gewährleistet. Größtenteils sind die Menschen, die teilweise tagelange Fußmärsche zum Hospital auf sich nehmen, an Aids und an Malaria erkrankt. Einzigartig zur damaligen Zeit das Home Care Program,  dass die Menschen in den umliegenden Dörfern betreut.

Während eines zweiwöchigen Aufenthaltes, zu Gast bei Dr. Herbert Aschwanden, Arzt aus Stein am Rhein (CH) und Leiter des Hospitals, hatte ich die Möglichkeit die Situation im Hospital zu fotografieren.

003_Missionhospital_Zimbabwe_95
001_Missionhospital_Zimbabwe_95
002_Missionhospital_Zimbabwe_95
004_Missionhospital_Zimbabwe_95

Abschiebehaft, 1995


Abschiebehaft in Büren, Herne, Neuß

Abschiebehaft bedeutet Freiheitsentzug, also Gefängnis, damit ein Verwaltungsakt, nämlich die Abschiebung leichter durchgeführt werden kann. Obwohl eine Gefängnisstrafe in Deutschland der schwerste gesetzlich vorgesehene Eingriff in die Grundrechte eines Menschen ist.

Reportage für das Magazin Stern, 7/1995

Bueren_Germany_01
Bueren_Germany_02
Bueren_Germany_03
Bueren_Germany_04

Bergbauern, 1994/1995


Hartes Leben auf der Höh´

Alois Auer leistet 365 Tage im Jahr Schwerstarbeit. Zusammen mit seiner Mutter bewirtschaftet der Südtiroler den 1400 Meter hoch gelegenen „Feucht“-Hof auf dem Herrenberg im Ahrntal. Viele Bergbauern geben auf, er aber sagt: “Mi kriagn si nur tot vom Hof weg“.

Reportage mit Gabriel Grüner (✝)

Mittag
Kapelle Sonntag
Herbst Schafwaschung
Auf zur Alm

„Davids deutsche Sterne“ – Jüdisches Leben in Deutschland, 1992-1995 / 2001


Der kleine alte Mann mit dem Pepitahut fällt in den Gesang des Kantors ein, schert aus, bricht ab. „Was singt der denn, der singt ja falsch.“ Der Kantor heißt Estrongo Nachame und ist berühmt. Seine Schallplatten hängen im Vorraum aus. Der Pepitamann raunzt und mosert. „Der soll aufhören!“ Niemand beachtet ihn. Das allgemeine Gemurmel, Geplauder, Gebet verschluckt Herrn Mosermann. Und dann wendet sich die Gemeinde zur Tür.

Es ist Freitagabend in der Synagoge der liberalen Berliner Juden in der Pestalozzistraße; herein in die königliche Braut Schabbat, die Unsichtbare. Lass uns vergessen den Lärm der Welt, Herr. Schenke uns, Adonai, den Frieden Deines Schabbat. Der Gesang des Kantors füllt den exakt einstündigen Gottesdienst ganz aus. Ernst und schön schwebt er über den Wassern des Weltlichen Rumors im Saal, der an eine unruhige Konzertatmosphäre erinnert.
Auch die Gemeinde ginge ohne weiteres als gutbürgerlich philharmonisches Publikum durch. Von der Empore herab begleiten den Kantor eine Orgel und Sänger des RIAS-Kammerchores Berlin. Orthodoxe Juden nennen die Synagoge ihrer liberalen Glaubensbrüder ein Museum. Dort werde etwas inszeniert, was es nicht mehr gebe: Milieu und Ritus des assimilierten Judentums…

Textauszug von Wolfgang Büscher,
Geo-Magazin 05/95

Wachpolizei vor dem Centrum Judaicum “Neue Synagoge” in der Oranienburger Str. in Berlin
Brit Millah, Synagoge Joachimsthaler Str. in Berlin,
Morgengebet in der Synagoge Joachimsthaler Str. in Berlin
Das sog. Gevattern, kurz vor der Brit Millah eines Jungen, Synagoge Joachimsthaler Str. in Berlin

Kurdistan, 1991 – 1992


1991
Nach der Flucht vor Saddam Husseins Terror im irakischen Teil Kurdistans kämpften in einer Region, in die man kaum Hilfsgüter transportieren kann, Hunderttausende ums Überleben. Sie flohen über die verschneiten Pässe des über 2400 m hohen Dügün Dag über die irakisch-türkische Grenze. Oberhalb des türkischen Dorfes Isikveren kam es zu einer humanitären Katastrophe, weil das türkische Miltär die Flüchtlinge am Abstieg in die wärmeren Täler gehindert hat. In der heimlichen Hauptstadt Kurdistans, Diyarbakir im Südosten der Türkei, kam zu Demonstrationen gegen die Politik Ankaras. Erst nach weltweitem, politischem Druck wurden die Flüchtlinge aus dem Irak in die Türkei gelassen.

1992
Nach dem Einrichten einer UN-Schutz- und Flugverbotszone, die den irakischen Kurden als Schutz vor den Truppen Saddam Husseins dienen sollte, konnten 1991 Regionalwahlen stattfinden. Der spätere irakische Präsident, Daschalal Talabani trat mit seiner Partei PUK gegen die KDP von Masud Barzani an. Nach Jahrzehnten der Verfolgung und des Terrors und den wechselnden Bündnissen der kurdischen Führer mit dem Iran und der Baath-Partei Bagdads verbündeten Talabani und Barzani sich 1991 gegen den irakischen Diktator.

001_Peshmerga_Irak
002_Sabotage
003_Tigris
003a_Flucht_vor_Saddam

Mühlhausen – Die vergessene Stadt, 1990


Im thüringischen Mühlhausen an der Unstrut hat sich seit Jahrhunderten am Stadtbild wenig verändert. Und seit Jahrzehnten wurde für die Erhaltung der alten Fachwerkbauten kaum etwas getan. Saurer Regen und verschmutzte Luft zerfressen das Mauerwerk. Wenn nicht bald mit der Sanierung begonnen wird, droht dem historischen Kleinod der Verfall.

Reportage für das Magazin Stern, März 1990

mühlhausen_1000×02
mühlhausen_1000×03
mühlhausen_1000×05
mühlhausen_1000×06

Der letzte Winter der UdSSR, 1990


Moskau im Dezember 1990,
73 Jahre nach der Revolution

Die Versorgung ist zusammengebrochen. Tauschwirtschaft ersetzt Staatsmonopolismus. Jeder misstraut jedem, einer ist des anderen Wolf. Eltern schicken Ihre Kinder nach Moskau, um Lebensmittel zu stehlen. Sie werden von der Miliz aufgegriffen und in Umerziehungslager gesteckt.

Mütter von toten Wehrpflichtigen demonstrieren gegen die Schikanen der Vorgesetzten und die schlechte Versorgung und Ausrüstung in der Roten Armee. Ein Staat und seine Institutionen zerfallen. Michail Gorbatschow verliert die Kontrolle über den Staat.

Es war der letzte Winter der UdSSR.

Der letzte Winter der UdSSR_1
Der letzte Winter der UdSSR_2
Der letzte Winter der UdSSR_3
Der letzte Winter der UdSSR_4

Bergarbeiterstreik, Großbritannien, 1984-85


Wombwell/Yorkshire – Llanelli/South Wales

Der einjährige britische Bergarbeiterstreik war der letzte große Arbeitskampf des ausgehenden 20.Jahrhunderts. Er gilt als schwerwiegende Niederlage der britischen Bergarbeiter und ihrer Gewerkschaft NUM und wirkte bis weit über das eigentliche Ende des Arbeitskampfes hinaus. In Erinnerung bleibt der Streik nicht nur wegen seiner ungewöhnlichen Länge, sondern auch wegen des fanatischen Widerstands der Bergleute gegen die drohenden Schließungen ihrer Zechen und des Verlustes ihrer historischen und kulturellen Identität.

001_Miners_Darfield-Pit_Wombwell
002_Wombell_meeting
003_Darfield_miners
004_Rimingtonroad_Wombwell