Eine Landschaft zu entdecken bedeutet immer auch, etwas Eigenes in sie hineinzubringen und etwas Eigenes in ihr zu suchen. Was Michael Kerstgens mit nach Ostfriesland brachte ist sein individueller Blick, was er hier suchte sind Bilder, die fern aller vorgeprägten Erwartungen ein Stück Land im äußersten Nordwesten Deutschlands porträtieren. ….. Kerstgens Bilder entstehen in einer Kulturlandschaft, die vom rauen Klima der Nordsee geprägt ist und ohne ihre komplexen Systeme von Gräben, Kanälen, Deichen, Buhnen und Reisigverhauen nicht existieren würde. Über viele Jahrhunderte hinweg rang der Mensch dem Meer hier Meter für Meter fruchtbaren Boden ab. Immer wieder zieht es Kerstgens an die Grenze zwischen dem offenen Raum des Wattenmeeres und der unmittelbar an sie grenzenden Infrastruktur von Küstenschutz und Tourismus. Er hat ein feines Gespür für Spannungen, die dort entstehen, wo natürliche und künstliche Strukturen, Raum und Stofflichkeit, Tradition und Gegenwart aufeinander treffen. Ohne atmosphärisches Beiwerk erzählen seine Bilder, wie sich dieses Stück Land anfühlt, wie sich seine Räume entfalten und seine Menschen mit ihm leben. Sie lassen das Klima spüren, Strukturen ertasten, Gemeinschaft erleben, und im scheinbar Banalen Kurioses und Abgründiges entdecken. Kerstgens sucht ebenso das geradezu meditative Erlebnis des unendlichen Raums, in dessen überwältigender Eintönigkeit sich der einzelne Mensch zu verlieren scheint, wie das Erlebnis in der Gruppe. …. Aus dem Vorwort von Dr. Nils Ohlsen, Wissenschaftl. Leiter der Kunsthalle Emden, 2006 Edition Anhalt